Review: Heavy Rain

Um kaum ein anderes PS3-Spiel, abgesehen von God of War III, gab es in den letzten Jahren so einen Hype wie um Heavy Rain, das von vielen bereits als das “Alan Wake der PS3″ bezeichnet wurde, als noch nicht einmal bekannt war, worum es überhaupt in dem Spiel geht. Heavy Rain sollte das allgemeine Verständnis von Videospielen revolutionieren, indem Film und Spiel darin verschmolzen werden – was auch gelang. Großteils.

Heavy Rain stammt aus dem Hause Quantic Dream, dessen bekannteste Arbeit das Adventure Fahrenheit sein dürfte. Diese Herkunft wird bereits in den ersten Spielminuten deutlich. Es spielt sich nicht bloß ähnlich, sondern exakt wie Fahrenheit – es handelt sich dabei weniger um ein Spiel, als um einen gut inszenierten, interaktiven Krimi. In der Rolle von vier voneinander unabhängigen Personen, die man abwechselt kontrolliert, jagt man einen mysteriösen Serienkiller, den die Presse als den “Origami Killer” bezeichnet, weil sein Modus operandi darin besteht, etwa 10-jährige Jungen zu kidnappen, 3-5 Tage lang gefangen zu halten und sie schließlich in Regenwasser ertrinken zu lassen. Die Leichen werden anschließend an verlassenen Orten mit einer Origami-Figur in der Hand abgelegt. Alle vier Protagonisten haben auf die eine oder andere Art mit dem Fall zu tun, verfolgen aber verschiedene Handlungsstränge, die parallel zueinander laufen. Der Aufbau von Heavy Rains Story hat mit Fahrenheit einige Gemeinsamkeiten – Segen oder Fluch?

Der dritte Versuch

Wie bei Fahrenheit fängt die Story sehr gut und vielversprechend an, etwa in der Mitte gibt es aber einen Knick, von dem sie sich nie mehr komplett erholt. Warum legt Quantic Dream immer noch keinen Wert auf eine durchgehend vernünftige Handlung? Nach Fahrenheit sollten sie durch die Kritik der Spieler ihre Lektion gelernt haben – dem ist leider offenbar nicht so. Hinzu kommt, dass die Freiheit bei der Beeinflussung der Story nicht annähernd so groß ist, wie es der Werbetext auf dem Cover weißmachen will. Vieles lässt sich gezielt beeinflussen, anderes nicht – manche Personen müssen beispielsweise gerettet werden, es ist nicht möglich, sie optional ihrem Schicksal zu überlassen. Auch ist es nicht möglich, bestimmten Schlüsselereignissen auszuweichen, egal, was man bis dorthin getan hat – alle Wege führen nach Rom, sozusagen. Die Geschichte ist zwar trotzdem spannend und fesselt bis zum Abspann an den Bildschirm, ließ aber zumindest mich mit einem fahlen Beigeschmack zurück. Auch wirken manche Situationen sehr konstruiert, erzwungen, nicht authentisch – schade, das Ausgangsmaterial hätte einiges mehr hergegeben. Vor allem finde ich irritierend, dass die Verantwortlichen bei Quantic Dream ihren eigenen Vorsatz – die Erzählung einer Geschichte, die, wie bei zahlreichen Romanen der Neunziger, auf Entscheidungen des Spielers beruht, dermaßen vernachlässigt hat. Wie toll wäre es beispielsweise gewesen, hätte sich die Identität des Origami-Killers je nach Verlauf der Story verändert… – nichts da. So interaktiv Heavy Rain sein möchte, so linear ist es letztendlich geworden. Vielleicht beim nächsten Mal…

In erster Linie hat Heavy Rain aber ohnehin eher den Ruf, cineastisch zu sein. Tatsächlich kann es in dieser Beziehung selbst Metal Gear Solid 4 mit seiner rund 50-minütigen Endsequenz das Wasser reichen. Und genau hier liegt das Hauptproblem: Heavy Rain ist ZU cineastisch. Wir sprechen nicht länger von einem Videospiel, sondern von einem interaktiven Film. Das kann man mögen, trifft aber mit Sicherheit nicht jedermanns Geschmack. Heavy Rains Gameplay lässt sich am besten als “große Cutscene mit den längsten QTE-Ketten der Spielegeschichte” bezeichnen: man spielt nicht, man sieht zu – sofern nicht plötzlich irgendeine schnelle Interaktion gefordert wird.

Auf die Tasten – fertig – los!

Wie bei Fahrenheit sind die Quicktime Events gnadenlos und schrammen stellenweise stark am Rand des guten Geschmacks entlang – wenn man fünf Buttons, die über das gesamte Pad verteilt sind, gleichzeitig drücken muss, hört der Spaß auf. Generell ist die Steuerung ein Graus. Bewegungen sind sehr hölzern, Interaktion dank der störrischen Kamera oft schwierig, da zeitweise nicht deutlich erkennbar ist, welchen Button man drücken bzw. welchen Stick-Befehl man eingeben muss. Bezüglich der Übersicht hat Heavy Rain gegenüber Fahrenheit leider allgemein abgebaut: wurden die Antwortmöglichkeiten in Konversationen bei Fahrenheit noch überschaubar am oberen Bildschirmrand angezeigt, “fliegen” sie bei Heavy Rain durch die Gegend – wortwörtlich. Die Antwortmöglichkeiten kreisen meist um die Spielfigur, weshalb sie oft für ein paar Sekunden unsichtbar oder, je nach Perspektive (Stichwort störrische Kamera, die es mit dem Herauszoomen manchmal übertreibt), schlecht les- bzw. erkennbar sind. Ist die Person nervös, ängstlich oder in Panik, “zittert” die Auswahl zusätzlich, was sie noch schwerer lesbar bzw. den zugehörigen Befehl unkenntlich macht. Da dem Spieler zum Antworten nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht, ist dieses “Feature” gleich doppelt ärgerlich.

Eines der größten Mankos von Heavy Rain sind seine vielen Bugs. Von Grafikfehlern, Trophy-Glitches und korrupten Spielständen bis hin zu Game Freezes und Abstürzen der Konsole (mit Blackscreen) geht das Spektrum der technischen Probleme, die trotz eines über 200 MB großen Patches am Erscheinungstag nach wie vor nicht behoben sind. Ich selbst erlebte einige dieser Fehler, darunter mehrere Freezes. Mein Spielstand blieb glücklicherweise unbeschadet erhalten, auch nach dreimaligem Durchspielen – wenn man im “Fish Tank”-Level beispielsweise wegen eines korrupten Speicherpunktes nicht mehr weiterspielen kann, wie es vielen anderen passiert ist, entsteht unnötiger Ärger und Frust, was schade ist, weil es nicht die Schuld des Spiels, sondern des Entwicklers ist.

Fazit

Was also ist Heavy Rain? Pathos? Mythos? Vielleicht gar die beschworene Genre-Revolution? In erster Linie handelt es sich dabei unverkennbar um das geistige Erbe von Fahrenheit – im guten wie im schlechten Sinne. Heavy Rain spielt sich nicht nur wie Fahrenheit, sogar ihre Handlung ähnelt sich in Grundzügen (man spielt wieder Ermittler und Verdächtige parallel, Naturphänomene haben erneut eine besondere Bedeutung – in Fahrenheit war es Schneefall, hier ist es Regen, auch sind Teile der Handlung quasi identisch). Zwar ist Heavy Rains Präsentation zweifellos beeindruckend und das Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Mörder und den Protagonisten trotz kleiner Logik-Schwächen spannend und mitreißend, seinem gewaltigen Hype wird der Titel aber nicht gerecht. Für Fans von Fahrenheit ist Heavy Rain eine Offenbarung, wer hingegen mit Quantic Dreams bisherigen Würfen in Richtung “spielbares Hollywood” nicht warm wurde, kann sich die Jagd auf den Origami Killer getrost sparen. Für alle anderen gilt: wenn es euch nicht stört, weniger zu spielen und mehr zuzusehen, solltet ihr anfangen, das Falten von Origami zu üben (was ihr übrigens während der Installation tun könnt – das Spiel bietet eine schrittweise Anleitung und es liegt sogar ein Bogen Papier zum Ausprobieren bei), denn obwohl es stark vom persönlichen Geschmack abhängt, ob man von Heavy Rain gefesselt oder gelangweilt wird, etwas alltägliches ist es definitiv nicht. Ungeachtet meiner Kritik halte ich Heavy Rain für einen der besten PS3-Exklusivtitel, der jeden Cent wert ist, wenn man sich darauf einlässt – und sich endlich jemand um die Bugs kümmert. Mehr davon!

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