Ist Töten ein sportlicher Wettkampf?

Es ist mal wieder soweit. Deutschland möchte die Herstellung und den Vertrieb von ‘Killerspielen’ verbieten – präziser, die deutschen Innenminister wollen es. Da diese aktuell mehrheitlich von Mitgliedern der Unionsparteien gestellt werden, ist das keine große Überraschung, schließlich ist der dort gängige Grundtenor eindeutig und so radikal, dass sich die eigene Parteijugend davon distanziert hat. Auf Stigma Videospiele ist bereits eine hitzige Debatte rund um die Hiobsbotschaft im Gange. Ein User postete dort ein Antwortschreiben, das er vom Bundestagsabgeordneten Ingo Wellenreuther (CDU) bezüglich seiner Anfrage zur Absage des IFNG erhalten hat. Insbesondere ließ mich folgender darin enthaltener Wortlaut aufhorchen:

Kann man solch virtuelles Töten – so wie Sie in Ihrer Frage – als „sportlichen Wettkampf“ bezeichnen? Ich halte solche „Spiele“ für stil- und geschmacklos sowie mit meinem Werteverständnis und moralischem Empfinden für unvereinbar.

Schön für ihn, er bräuchte sie ja nicht zu spielen. Soll er anderen ihren Spaß daran lassen. Doch ich schweife ab. Die Frage, um die es mir geht, ist eine nicht unwesentliche:

Ist Töten ein sportlicher Wettkampf?

Ich wäre geneigt, spontan mit “Ja” zu antworten. Töten war in der menschlichen Geschichte schon immer ein sportlicher Wettkampf – nicht unter den ‘barbarischen’ Völkern, sondern erst recht in Hochkulturen. Hier ein Denkanstoß:

Kinoplakat zu Gladiator

'Killerspiele' in der Antike

Der Mensch ist zur Gewalt prädestiniert. Das ist kein Versuch einer Verteidigung, keine Pro-’Killerspiele’-Argument und erst recht kein Geheimnis, sondern eine Tatsache, man muss nur die Zeitung aufschlagen. Wir mögen uns für zivilisiert halten, trotzdem sind Krieg, Unterdrückung und Mord bittere Realität. Warum sucht man in Deutschland, diesen Umstand zu verschleien, anstatt alltäglicher Gewalt entschlossen gegenüberzutreten? Andererseits scheint “Aus den Augen, aus dem Sinn” das neue Kredo der deutschen Bundesregierung zu sein…

Dann aber besann ich mich auf meine eigenen Werte. Man muss diese Debatte nicht auf dem platten, simplifizierenden Niveau der Spielegegner führen. Eine Erkenntnis ist nämlich wichtig, will man einen verantwortungsbewussten Umgang mit Videospielen pflegen, deren Inhalt – in diesem Fall realistische und / oder starke Gewaltdarstellung – besonders explizit ist: Es ist nicht real. Weil es nicht real ist, kommt kein Mensch, kein Tier oder anderes Lebewesen dabei zu schaden. Wer ‘Töten’ und ‘Videospiel’ in einem Atemzug nennt, demonstriert somit vorwiegend mangelhafte Medienkompetenz. Wer nicht zwischen reell und virtuell zu unterscheiden gelernt hat, sollte meiner Ansicht nach überhaupt nicht spielen – weder Manhunt, noch Super Mario Galaxy.

"Versuche, dir einfach die Wahrheit vorzustellen: Den Löffel gibt es nicht."

"Versuche, dir einfach die Wahrheit vorzustellen: Den Löffel gibt es nicht." - aus dem Film 'Matrix'

Die psychologische Wirkung von medialer Gewalt – nicht bloß in Videospielen – ist nach wie vor umstritten. Ich lasse sie für meine Argumentation außer Acht, da es – anders als von CDU-Politikern dargestellt – keinen unumstößlichen Beweis für die Existenz bzw. die Art ihrer Auswirkung gibt. Legt man mir eine Studie vor, in der bestätigt wird, dass brutale Videospiele die Hemmschwelle zur Gewaltanwendung senken, verweise ich auf zehn andere, die das Gegenteil besagen. Die hysterische Angst um Sitte, Moral und Werteverfall ist gerade in Deutschland jedoch nichts Neues – ich empfehe hierzu den Artikel ‘Normalität?‘, ebenfalls auf Stigma Videospiele zu finden. ‘Experten’ konnten beinahe allem, was heute als medial akzeptiert gilt, etwas Negatives abgewinnen, weshalb ich Studien im Allgemeinen eher skeptisch betrachte…

Herr Wellenreuthers Frage ist trotzdem durchaus fundiert – immerhin pflegen deutsche Shooter-Fans, sich stets mit dem taktischen bzw. sportlichen Anspruch ihres Hobbys zu rechtfertigen. Nun mögen manche entgegnen, dass, beispielsweise, Schiessvereine doch wesentlich schlimmer seien, da dort der Umgang mit der Waffe – und damit die Auslöschung von Leben, denn einen anderen Zweck haben Schusswaffen unter’m Strich nicht, Sportsgeist hin oder her – in der Realität gelehrt und geübt würde. Das mag theoretisch der Wahrheit entsprechen, praktisch ist ein Vergleich hingegen unmöglich. Man lernt in Videospielen den Umgang mit der Waffe nicht – ebenso wenig, wie man in Schiessvereinen auf menschlich aussehende Zielscheiben feuert. Bei beiden Tätigkeiten gibt es (idealerweise) keine realen Opfer – so sehen das die Unionspolitiker aber nicht.

In gewisser Weise drängen sich Gamer selbst in die Ecke, indem sie sich hinter ihrem Wall aus ‘Taktik und Wettbewerb’ verschanzen. Spielegegner reagieren darauf natürlich mit der Frage, weshalb Shooter derart brutal sein müssen, wenn es rein um die taktische bzw. sportliche Komponente geht? Warum beschweren sich viele Spieler über allfällige Gewaltzensuren (wie fehlendes Blut oder Splatter), die von Entwicklern oftmals für den deutschen Markt gemacht werden müssen? Warum ‘muss’ überhaupt auf Menschen bzw. menschenähnliche Wesen gefeuert werden? Warum sind farbig markierte Zielscheiben nicht ausreichend, wenn es ‘nur’ um Taktik oder Sportsgeist geht?

Dem haben ambitionierte Spieler nichts entgegen zu setzen – zumindest nichts, was ihre Position stärken würde, denn egal, was sie antworten, es würde ihnen zum Nachteil gereicht. Ein Argument, dem auch ich mich anschließe, wäre das der Atmosphäre. Steht man in Call of Duty: World at World auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges, wäre es wohl mehr als deplatziert, würde man auf bewegliche Zielscheiben schießen. Würden Verbotsgegner allerdings so argumentieren, fühlten sich die Befürworter bestätigt, da sich die Spieler offenbar in das Geschehen – und das Tötungsszenario – hineinversetzen (und ihnen in diesem Fall zugleich die Fähigkeit abgesprochen wird, zwischen Realität und Fiktion zu differenzieren). Das klappt also nicht. Das nächstbeste Argument wäre wohl die Vision der Entwickler. Die Entwickler eines Spiels haben sich (meist) etwas bei der Konzeption ihres Produktes gedacht. Wenn man in Counter-Strike die Bedrohung durch Terroristen eliminieren muss, wieso sollte man in Deutschland – und nur in Deutschland – Zielscheiben statt menschliche Models aufs Korn nehmen? Mit welchem Recht erklärt die Regierung, was Kunst ist bzw. welche Art Kunst schützenswert ist? Wieso ist das mehrfach ausgezeichnete Counter-Strike-Szenario laut deutschen Spielegegnern künstlerisch minderwertig?

Weil man auf virtuelle Menschen schießt. Darum. Damit wären wir beim wohl tragendsten Argument, das Gamer jedoch niemals in die öffentliche Debatte einbringen können, sofern sie von der breiten Öffentlichkeit nicht endgültig als potenzielle Psychokiller abgestempelt werden wollen: Die von Gewalt ausgehenden Faszination.

Ich kann mir schon vorstellen, was dir, werter Leser, gerade durch den Kopf geht: “So ein Blödsinn, mir ist Gewalt egal, ich brauche keine exzessive Gewaltdarstellung!”. Sag’, hast du dich jemals an einem Videospiel abreagiert, damit Frust oder Stress abgebaut? Ja? Stell’ dir selbst folgende Frage: Wäre das ähnlich befriedigend gewesen, hättst du auf pinke Blöcke oder blinkende Zielscheiben geschossen und nicht auf virtuelle Monster oder Menschen? Na? Eben.

Ich möchte keine Lanze für Gewalt brechen – jedenfalls, wenn es um die Realität geht. Faktisch lehne ich Gewalt strikt ab. Ich ging in meiner Jugend Prügeleien stets aus dem Weg und wurde maximal aus Notwehr handgreiflich. Ich war nicht beim Bundesheer, hielt also noch nie eine echte Waffe in meinen Händen. Ich bin weder ein aufbrausender, noch ein aggressiver Mensch. Und genau deshalb ist mir unverständlich, was dagegen spricht, eben diese Ambitionen, die ich in der Realität nicht habe, in einem virtuellen Raum auszuleben, wo ich niemanden verletzen oder töten kann: Die meisten aller Spiele, die ich in den letzten 12 Monaten gekauft habe, wurden von der PEGI, dem BBFC oder der USK ab 18 Jahren freigegeben – ein Großteil wegen expliziter Gewaltdarstellung. Wo liegt das Problem? In anderen Medien ist Gewalt schließlich selbstverständlich.

Lange Zeit war es der ‘Staatsfeind Nr. 1′ – das Fernsehen. Heutzutage laufen gewalthältige Actionfilme mit Van Damme oder Seagal zur Hauptsendezeit. Manchmal bekommt man auf deutschen Privatsendern sogar einen FSK 18-Film ungekürzt zu sehen. Natürlich wandert auch im Filmsektor jeden Monat einiges auf den Index, dennoch ist die Toleranz hier wesentlich größer. Warum? Weil sich das Fernsehen inzwischen als gesellschaftlich akzeptiertes Medium im täglichen Leben etabliert hat?

Was ist mit Hip Hop, ‘Gangster-Rap’? Ich spreche von Musik, die Frauen diskriminiert, partiell als Träger für Kriminalität, Drogenkonsum oder rassistisches Gedankengut fungiert und Gewalt als ultimativen Weg der Konfliktlösung glorifiziert. Zwar landen in Deutschland auch regelmäßig zu heftig ausgefallene Silberscheiben auf dem Index, dennoch darf der überwiegende Teil tagsüber auf MTV gezeigt oder im Radio gespielt werden. Selbst die BPjM versucht eine Positivprädikatisierung und bezeichnet Gangster-Rap als ‘Lifestyle’, der nicht verboten werden sollte:

Muss ich meinem Kind Hip-Hop-Musik verbieten?
Nein! Die Hip-Hop-, Techno- und Skaterbewegung ist eine der größten Szenen in Deutschland und eine kreative, multikulturelle und integrative Jugendkultur. [...]

Hip-Hop ist mehr als Rap-Musik. “Hip-Hop spiegelt für viele Szenegänger ein ganzheitliches Lebensgefühl wider. [...] Hip-Hop gehört zur eigenen Identität und kann nicht einfach ‘abgeschaltet’ werden. [...]

[...]

Ein Verbot für ein Kind, in einem Spektrum vieler Musikvorlieben bestimmte Hip-Hop-Musikstücke zu hören, mag relativ leicht durchsetzbar sein. Für die Mehrzahl der Jugendlichen sind aber mit der Vorliebe für Hip-Hop-Musik auch der Freundeskreis, ihr Freizeitverhalten sowie Kleidung und Accessoires verbunden. Daraus wird deutlich, dass wie immer im Erziehungsprozess viele sensible Aspekte gleichzeitig zu beachten sind und man behutsam vorgehen muss. Letztlich sind nur die Eltern in der Lage, die für ihr Kind passenden Entscheidungen zwischen Verständnis und Vertrauen zu treffen, aber auch Grenzen zu setzen.

Geht es nur mir so, oder hat noch jemand den Drang, ‘Hip-Hop’ bzw. ‘Rap’ und ‘Musik’ durch ‘Gaming’ zu ersetzen?

"Lifestyle, Alta!"

"Lifestyle, Alta!"

Nicht zu vergessen: Was ist mit Büchern? Bücher unterliegen keiner Alterskontrolle – wohl, weil die Politik darüber froh ist, dass Jugendliche überhaupt noch lesen. Ich wage zu bezweifeln, dass Clive Barker, Stephen King oder Charlotte Roche auf Jugendliche keine möglicherweise sozialethnisch desorientierende Wirkung haben. Und zu allem Überfluss ist ein Machwerk extremer Gewalt, Diskriminierung und Intoleranz sogar der größte ‘Bestseller’ aller Zeiten…

Wir merken: Die allgemeine Aufregung rund um Videospiele ist primär durch ihre gesellschaftliche Nichtakzeptanz begründet. Dafür ausschlaggebend ist, unter anderem, sicherlich der Gewaltfaktor.

Manche Spiele brauchen Gewalt. Sie dient entweder der Atmosphäre, ist ein tragendes Element des Gameplay (und damit ggf. des Spielspaßes) oder wird derart übermäßig eingesetzt, dass einem das jeweilige Spiel hauptsächlich deshalb im Gedächtnis bleibt. Ich spiele derzeit Stubbs the Zombie in Rebel without a Pulse (das, zu meinem Erstaunen, nicht einmal indiziert ist!) auf der Xbox, für das eindeutig die Punkte 2 wie 3 gelten. Ohne die übertriebene, lächerlich anmutende Gewaltdarstellung wäre Stubbs ein langweiliges und uninspiriertes Actionspiel, nicht mehr. Reißt man einem amerikanischen G.I. den Arm aus, was von diesem mit einem Spruch wie “Aaah, I’ve never been disarmed!” oder “Hey, I liked that arm!” kommentiert wird, kann ich den Entwicklern nur für ihren schwarzen Humor gratulieren (von der interessanten Thematik abgesehen). Was wäre Condemned: Criminal Origins ohne seine realistische Gewalt? Eine surreale Geisterbahnfahrt, ein schlechter Klon von F.E.A.R.. Die Gewaltdarstellung – und damit meine ich nicht ausschließlich die vom Spieler ausgehende Gewalt, sondern auch die Angst vor den nicht minder brutalen Gegnern, die einem ebenso leicht den Kopf mit einem Stahlrohr einschlagen können – macht Condemned zu dem Horror-Juwel, das es ist, weil die Furcht erst aufgrund des hohen Realitätsgrades greifbar wird. Mein Kommentar auf die vorige Anmerkung, dass es egal sei, worauf man ballert, wenn es wirklich nur um Taktik oder Wettbewerbsgedanken geht, ist daher: Es ist NICHT egal. Denn ich verstecke mich nicht und gestehe, dass es eben NICHT ausschließlich darum geht.

Es wäre schön, könnten alle Fraktionen miteinander debattieren, ohne dass eine Seite von der anderen durch den Aufschrei der Empörung abgewürgt wird. Warum kann man, als Spieler, nicht offen zugeben, dass man – aus welchen Gründen auch immer, es müssen nicht die sein, auf die ich oben einging – auf Gewalt, Blut und Splatter in Spielen nicht verzichten möchte? Selbst, wenn man sich an der Gewalt an sich ergötzt – was ist daran schlecht, solange man virtuelle Gewalt nicht Realität werden lässt? Warum ist das fadenscheinige Argument des sportlichen Wettbewerbs nowendig? Spinnt man diesen Gedanken weiter, wird allerdings eine viel dringendere Frage aufgeworfen: Warum müssen sich Menschen, die niemandem Schaden zufügen, überhaupt für ihr Tun rechtfertigen?

Die meisten Gamer sind nicht gewaltbereit. Das ist es, was die Politik bei ihrer Panikmache gerne verdrängt. Auf einen Amokläufer kommen nicht Tausende, sondern Millionen friedliender Individien – Menschen, die arbeiten mit, sich vielleicht sozial engagieren, die selbst Eltern sind, … -, weshalb sich Leute wie Christian Pfeiffer von mir den Vorwurf der Polemik gefallen lassen müssen. Wenn man ein kulturelles Phänomen – was Videospiele zweifellos sind – und dessen Partizipanten über einen Kamm schert, weil sich einige wenige, die in ihren Leben erwiesenermaßen wesentlich größere Probleme als hatten, die Kontrolle verloren, dann ist das Polemik, schlicht und ergreifend. Auch ich könnte mich dieser Polemik bedienen, wie wär’s damit: Die Amokläufer haben sich nicht nur mit brutalen Spielen beschäftigt, sondern auch die Tagesschau gesehen – ho, ich erkenne ein Muster!

Ein Verbot ist mit Sicherheit der falsche Weg. Zum einen, weil Verbote mystifizieren. Es gibt schon heute zahlreiche Jugendliche, die den Index – der, seit es das Internet gibt, nicht mehr so geheim ist, wie es die BPjM gern hätte – als Einkaufliste und eine Liste B-Indizierung bzw. Beschlagnahme als Qualitätssiegel ansehen. Sobald bekannt wird, was dem Verbot zum Opfer fiel, werden sie die betroffene Software einfach aus P2P-Tauschbörsen heruntergeladen und somit in ihrem Vorhaben, sich Spiele, die laut Vater Staat für sie ungeeignet sind, anzueignen, nicht wesentlich behindert. Zum anderen wäre da die Europäischen Union und ihre allgemeine Zollfreiheit.

Du bekommst ein verbotenes Spiel in Deutschland nicht? Kein Problem – ausnahmslos alle EU-Staaten rund um Deutschland bieten die gesuchte Ware im freien Verkauf an. Für den Import ist meist nicht einmal eine Kreditkarte erforderlich. Die deutsche ‘Insellösung’ wird folglich von außen nach innen ausgehöhlt. Man importiert eben 10-20 Stück eines Spiels und gibt es dann innerhalb seines Freundeskreises weiter. Dadurch macht sich der ‘Dealer’ zwar offiziell strafbar, jedoch wird es mit beschlagnahmten Titeln seit jeher so gehandhabt. Es funktioniert – was man vom deutschen Jugendschutz nicht behaupten kann.

Dem ist dadurch nämlich nicht geholfen. Statt mehr Verbote und Vorschriften zu erlassen, sollte die deutsche Politik aufwachen und erkennen, dass ihre Strategie mit Index und Co. zum Zeitpunkt ihrer Einführung vielleicht aufging, als die Welt noch aus einem Haufen Nationalstaaten bestand. Heute, in einer Ära der Globalisierung und des Internets, ist es absolut weltfremd, anzunehmen, man könnte ein ganzes Volk mündiger, erwachsener Bürger, davon abhalten, eine bestimmte Gattung Medium zu rezipieren, wenn selbst die Jugend, die eigentlich geschützt werden sollte, nur müde darüber lächelt und ihre nächste Bestellung in einem österreichischen Onlineshop aufgibt oder, wenn das nötige Kleingeld fehlt und man ein wenig risikofreudig ist, rasch BitTorrent anwirft. Die fehlende Effizienz beim Jugendschutz ist allerdings nicht das größte Problem der aktuellen Verbotsforderung.

Vielmehr wird dadurch ein noch größerer Keil zwischen die ‘Generation Renter’ und die, wie sie die Presse gerne bezeichnet, ‘Generation C64′ getrieben. Die Befremdung zwischen beiden Gruppen ist ohnehin angespannt – sei es aufgrund der schleichenden Einführung von Internet-Zensur durch die Instrumentalisierung von Missbrauchsopfern, das sture Verhalten der Regierenden, die, gut gemeinten Hinweisen zum Trotz, zielstrebig ihrem Kurs gen Abgrund folgen oder einer bedingt durch unzeitgemäße Sichtweisen unmöglich gemachten Identifikation mit den ‘Alten’ als Repräsentanten oder Vorbilder. Und jetzt soll auch noch ein Teil ihrer Kultur kriminalisiert werden – dass vielerorts von einem neuen Generationskonflikt gesprochen wird, grenzt wahrlich an kein Wunder. Unter Umständen wäre sogar die Union in der Lage, die Problematik ihres Handelns zu erkennen, würden ihre Verantwortlichen über den Ausgang der kommenden Bundestagswahlen hinaus planen…

‘Killerspiele’ werden nicht verboten, weil sie gefährlich sind – sie werden verboten, weil die Damen und Herren an der Spitze sie nicht verstehen. Sie sehen nichts als Gewalt und virtuelles Blutvergießen, sind aber nicht in der Lage, hinter die Faszination zu blicken, welche die Spiele auf Millionen junger und junggebliebener Menschen ausüben. Was man nicht versteht, dem begegnet man, aus Angst vor dem Unbekannten, allzu gern mit Ablehnung und Intoleranz – ob berechtigt oder nicht. So war es bei ‘Schundromanen’, beim Radio, bei Comics, dem Rock’n'Roll, dem Kino, der VHS, bei Horrorfilmen – auch die interaktive Unterhaltung wird entteufelt werden, sobald eine neue Politikergeneration ‘ans Ruder’ kommt, die damit aufwuchs. Leider wird es, wie ich Deutschland kenne, bis dahin ein neues Feindbild geben – Holo-Decks vielleicht? Ich kann schon die BILD-Schlagzeile vor meinem geistigen Auge sehen: “Innenminister für Verbot von Holo-Decks: ‘Verderben und verrohren Jugend’” …

  1. Noch kein Kommentar.

  1. Noch keine Trackbacks.