Rape me!
Welch ein Skandal: Gerade im prüden Amerika hat es Februar 2009 ein privaten Händler gewagt, das japanische Hentai-Spiel RapeLay auf der US-Website von Amazon zu veräußern!
Selbstredend reagierte Amazon prompt und entfernte das Angebot aus ihrem Sortiment. Die Diskussion darum bzw. rund um japanische Hentai-Titel generell brachte diese Maßnahme allerdings nicht zum verstummen.
In RapeLay übernimmt der Spieler die Rolle des Kimura Masaya, Sohn eines reichen Vaters. Da er meint, sich aufgrund der Macht seines alten Herrn alles erlauben zu können, belästigt er eines Tages ein junges Mädchen. Das lässt sich seine Frechheiten aber nicht bieten und zeigt ihn an, woraufhin er aufgegriffen und eingesperrt wird. Nachdem ihn sein Vater aus dem Gefängnis geholt hat, will sich der Protagonist an dem Mädchen rächen, indem er sie und ihre Familie (sie lebt mit ihrer Mutter und ihrer großen Schwester in einem Haushalt – Klischee, lass nach…) vergewaltigt…
RapeLay wurde von Illusion, einem japanischen, für Erotik-Software bekannten Entwicklerstudio, programmiert und 2006 in Japan veröffentlicht. Dieser und ähnliche Titel sind dort keineswegs eine Kuriosität, sondern haben sogar ihr eigenes Sub-Genre: Eroge. Dessen Vertreter erlauben ihrem Nutzer die Auslebung meist stark überzeichneter Erotikfantasien – RapeLay bietet dazu ein zugegeben besonders anstößiges Szenario: das einer Vergewaltigung. Man lauert den Frauen erst auf und belästigt sie (indem man sie begrapscht, zu küssen versucht etc.), ehe man ‘ans Eingemachte’ geht. Hört sich für unsere westlichen Ohren tatsächlich höchst verwerflich an. Ist es aber nicht. Denn die Art, wie der brisante Inhalt präsentiert wird, ist absolut lächerlich.
Zuerst kommt das Nachstellen. Darauf hätte Illusion verzichten sollen, da diese Spielphase dermaßen langweilig ist, dass viele, die nicht sehr neugierig (oder sehr pervers) sind, das Programm frühzeitig beenden. Wenigstens besteht nach kurzer Zeit die Möglichkeit, die ‘Stalker-Phase’ zu skippen und zur nächsten überzugehen: dem (aktiven) Belästigen.
Nun darf man, durch Klicken und Ziehen der Maus, seinem Opfer endlich ‘näher kommen’. Man muss sie solange zwischen den Schenkeln reiben, ihnen an den Hintern fassen, die Brüste massieren der sie an anderen Stellen berühren, bis eine Anzeige am seitlichen Bildrand – quasi ein Erotik-Barometer – voll ist. Um die erotischen Fantasien des Anwenders zu beflügeln, fungieren prinzipiell stark frequentierte Orte wie volle U-Bahnwagons oder der Stadtpark als Schauplätze.
Haben wir unser Opfer soweit, folgt der Kern des Gameplays und Quell der Aufregung: die eigentliche Vergewaltigung.
Unter anderem zeigt sich spätestens an dieser Stelle, weshalb RapeLay unmöglich als ‘Simulation’ betrachtet werden kann: Mitten in einem öffentlichen Park oder auf einem Bahnsteig können alle drei Frauen gleichzeitig missbraucht werden (jedenfalls im weiteren Spielverlauf), während es den Passanten egal ist. Zwar ist Japan hinsichtlich Sexualität und, wie mir gestern im Laufe eines Gesprächs versichert wurde, sexueller Belästigung wesentlich freizügiger als der Westen, dennoch kann ich mir kein nicht-virtuelles Szenario vorstellen, in dem kein Mensch einschreiten oder auch nur die Polizei rufen würde, wenn ein Mann drei Frauen an einem öffentlichen Platz zu sexuellen Gefälligkeiten nötigt. Zudem fangen die sexuelle Nötigung den Opfern nach einiger Zeit zu gefallen an, sodass sie Anweisungen bereitwillig Folge leisten und sogar zum Orgasmus gebracht werden können. Wer jetzt noch von einem ‘Simulator’ spricht, sollte sich dringend eingehend über sexuelle Gewalt informieren.
Am ‘Akt’ selbst ist nichts außergewöhnlich. Obwohl es die Medien gerne so darstellen, wird der Spieler bei der Vergewaltigung selbst nie aktiv, sondern agiert als reiner Voyeur, der seinen ‘Puppen’ via Herumklicken Befehle erteilt. Der interaktivste Teil des Schauspiels ist das ‘Stoßen’ durch Klicken mit der Maus – der Rest spielt sich ausschließlich über Optionsmenüs ab. Explizite Hardcore-Szenen gibt es ebenso wenig. Die ‘Intimsphären’ der ‘Teilnehmer’ werden zudem nur verpixelt dargestellt.
Das einzig wirklich Bedenkliche an RapeLay ist die Möglichkeit, die Frauen zu schwängern. Der Spieler hat zu diesem Zeitpunkt die Wahl, das Kind abzutreiben – tut er es nicht, wird Kimura von der werdenden Mutter vor eine U-Bahn geworfen. Man kann für oder gegen Abtreibung sein, doch dieses Element finde sogar ich verwerflich. Allerdings ist es mir im Endeffekt egal – wie der Rest des Spiels -, da es virtuell stattfindet. Und nur virtuell.
Ich möchte nicht missverstanden werden: Vergewaltigungen sind zweifellos eine hässliche Sache. Triebtäter sind eine Bedrohung für die Gesellschaft und gehören völlig zurecht weggesperrt. Damit hat RapeLay allerdings nichts zu tun. RapeLay dient einzig zur Befriedigung von Fantasien japanischer Hentai-Fans. Ich schreibe explizit ‘japanischer Fans’, weil RapeLay niemals offiziell außerhalb Japans vertrieben wurde. Es gab seitens Illusion keinerlei Anstrengung, eine Veröffentlichung außerhalb Japans zu erwirken. Aus diesem Grund ist das Spiel komplett in japanisch – die seit langer Zeit im Internet kursierende englisch untertitelte Schwarzkopie basiert auf einem von Fans erstellten – und damit inoffiziellen – Sprachpacket. Alleine deshalb ist der aktuelle Skandal eine einzige Farce: Warum regen sich die Amerikaner über Software auf, die nie für ihre Breitengrade gedacht war und deren Inhalt zudem in Japan auf… – sagen wir, höhere Akzeptanz stößt. Eine ähnliche (und ähnlich grundlose) Moralpanikreaktion gab es in Deutschland seinerzeit bei Manhunt, das dort ebenfalls nicht veröffentlicht wurde. Über den Import bekommt man beide, natürlich – mit einem Importverbot wird man sich im Zeitalter der Globalisierung allerdings schwer tun – von den zuvor erwähnten Schwarzkopien in Tauschbörsen ganz zu schweigen.
Erwartungsgemäß war es auch Deutschland, die Nummer 1 unter den europäischen Verteuflernationen neuer Medien, unmöglich, keine Stellung zu RapeLay zu beziehen. Ein News-Artikel – präziser, die fragwürdigen Reaktionen darauf – inspirierte mich schließlich zu diesem Blog-Eintrag. In den Kommentaren fordern zahlreiche User ein Totalverbot des Spiels (auch in Japan!) und rechtliche Schritte gegen den Entwickler. Begründung:
20. 11.05.2009 – 20:06 Uhr schrieb psychoflyer
also ich sehe es ähnlich wie die anderen 50% der poster hier.
einen solchen simulator braucht wirklich kein schwein.
wer ein solches spiel spielt hat einfach einen schaden.
und für die ganzen ist ja nur ein Spiel und egoshooter spielt ihr auch blablabla comments hier:
Ich denke es ist sehr wohl ein unterschied ob man ein Spiel zum Agressionsabbau hernimmt und animierte Figuren abknallt, als das man wenn auch nur animefraun vergewaltigt.
Vergewaltigungen egal ob in filmen oder spielen wiedern mich einfach an.
Wow. Wenn ‘Killerspiele’ auf dem deutsche Index landen, brodelt es jedesmal in der Community. Es wird geschrien, geflucht und gegen den ‘faschistischen Zensurstaat’ gewettert. Jede Indizierung ist lächerlich, jede Beschlagnahme ein Armutszeugnis. Es gilt gemeinhin als unbegreiflich, weshalb Medien mit mehr oder weniger expliziter Gewaltdarsellung in Deutschland derart stigmatisiert werden – “Ist doch alles nur ein Spiel”. Kaum geht es aber um ein Thema, das sich mit den eigenen Wertvorstellungen nicht vereinbaren lässt, sind Verbote eine angenehme, akzeptable und erwünschte Lösung. Es geht doch nichts über Doppelmoral.
Ich habe RapeLay nicht gekauft und besitze auch keinen anderen H-Titel. Weiters leugne ich die Brisanz der Inhalte vieler solcher Spiele nicht (denn bedenkt man, was die japanische Erotikindustrie sonst zu bieten hat, sind RapeLay und die Handlungsmöglichkeiten, die es Konsumenten bietet, vergleichsweise harmlos). Trotzdem finde ich den Wunsch nach einem Verbot absurd. Euch widert RapeLays Thematik an? Dann spielt es nicht. Ignoriert es – das verlangt ihr schließlich auch von Menschen, die (beispielsweise) Ego-Shooter anwidern. Vielleicht erkennen all jene, die nach einer moderne Bücherverbrennung für RapeLay schreien, nun wenigstens, wie es sich anfühlt, wenn man etwas verwerflich genug findet, um es verbieten lassen zu wollen und haben beim nächsten Mal, wenn ihnen jemand ihre geliebten ‘Killerspiele’ und Splatterfilme wegnehmen möchte, ein bisschen Verständnis – obwohl ich es bezweifle.
UPDATE, 03.06.2009:
Bravo, Sitte und Moral haben gesiegt: Die japanische Industrie hat sich dem internationalen Druck gebeugt. Erotikspiele mit Vergewaltigungsthematik werden ab sofort nicht mehr verkauft. Die Welt ist nun ein Stück sicherer. Ich bin zuversichtlich, dass die Vergewaltigungsrate in Japan stark zurückgehen wird, mindestens so stark, wie die Anzahl der Pädophilen in Deutschland…
Schon gut. Es ist nicht zum Lachen. Es ist eher traurig. Ein besonderes Armutszeugnis ist aber das Verhalten vieler ‘Gorehounds’ diesem delikaten Thema gegenüber. Man sollte meinen, dass (gerade in Deutschland) Videospieler und Filmfreunde wissen, wie es ist, wenn das eigene Hobby von anderen verteufelt wird… – doch ich wiederhole mich.
Nur so viel: Ignorante Heuchler, die auf ihnen missliebige Inhalte ‘plötzlich’ ekelhaft moralinsauer reagieren, machen mich krank – Menschen wie die zahlreichen Kommentatoren auf Schnittberichte.com. Für euch sollte ich hoffen, dass die deutsche Politik das endgültige Totalverbot von Medien, die “besonders realistische, grausame und reißerische Darstellungen selbstzweckhafter Gewalt beinhalten, die das Geschehen beherrschen”, auf den Weg bringt – jawohl, extra für euch! Vielleicht kapiert ihr es dann…

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